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 Hans Graf von der Goltz, Die Erben


Hans Graf von der Goltz: Die Erben


Von Unternehmen und ihren Kindern

Auf diesen Abend hatte Lehr sich gefreut. „Was für eine schöne Idee!“ hatte er ins Telefon gerufen, als Irmgard ihn zum Abendessen eingeladen hatte. Ihn und ihre Geschwistern Klaus und Erika. Ohne ihre Männer! „Nur wir vier! So wie früher! Es wird doch mal wieder Zeit! Findest du nicht, Vater? In den letzten Jahren – immer waren fremde Leute dabei, wenn wir uns gesehen haben. Selten genug, findest du nicht?“


„Fremde Leute?“


„Na ja, wenn die Männer dabei sind, ist es eben nicht dasselbe, als wenn wir – so wie früher – verstehst du? Einfach mal wieder gemütlich zusammensein und klönen ..“ mit dieser warmen Altstimme. Es gäbe doch sicher auch dies und das. Sie hätten sich so lange nicht mehr richtig gesehen. Sie hatte immer diesen warmen Alt gehabt, wenn sie sang. Schubert oder Hugo Wolf, Lieder, die ihm an manchem Abend diese schwebende Melancholie geschenkt und ihm geholfen hatten, die Leere seiner Nächte in dem fortlaufenden Dialog mit Luise aufzulösen. In jenen ersten Jahren nach Luises Tod war er oft zu Irmgard gegangen und hatte sie um ein Lied gebeten. Wenn sie dann gesungen hatte, war Graber, ihr Mann, auf Zehenspitzen aus dem Zimmer geschlichen. Er sei leider nicht musikalisch, und der Rauch seiner Zigarre störe Irmgard beim Singen. Betont freundlich, mit einem Zeigefinger vor den zu einem Lächeln auseinandergezogenen Lippen. Aber Lehrs Besuche waren seltener geworden und hatten, da Irmgard ihn nicht mehr aufgefordert hatte, schließlich ganz aufgehört.


„Wie früher also, Vater!“


„Was für eine schöne Idee!“ Sie werde auch Umstände machen, hatte sie gesagt.


„Aber nicht zu viele!“


Auf diesen Abend hatte er sich gefreut. Er hatte Irmgard Rosen mitgebracht, zartrosa. Luises Lieblingsrosen. Irmgard hatte sich bedankt wie früher! Hatte er gedacht, mit zwei Küssen. Alles wie früher. Klaus, Erika. Sie hatten vorzüglich gegessen. Zu aufwendig! hatte Lehr gedacht, aber gut gemeint! Lauter Lieblingsgerichte: Jakobsmuscheln, dazu einen Chablis premier crû, Rehrücken mit einem alten Mouton Rotschild; zum Nachtisch warme Apfeltarte mit einer Rheingauer Trockenbeerenauslese.


Als sie den Rotwein gekostet hatten, hatte Lehr ausgerufen: „Als gäbe es was zu feiern!“


Und da war Erika, die bis dahin kaum ein Wort gesagt, nur gelächelt und von einem zum anderen geschaut hatte, herausgeplatzt: „Wer weiß? Vielleicht haben wir etwas zu feiern!“


Ein Geheimnis?“ Bei dieser Frage hatte Lehr nur Erika angesehen. Und so war ihm der zornig strafende Blick von Irmgard entgangen, unter dem Erikas Gesicht sich mit einer Röte überzog, die Lehr nicht zu deuten wußte. „Heckt ihr etwas aus?“ lachte er.


„Das möchte ich auch gern wissen!“ meldete sich Klaus zu Wort. „Die Qualität des Essens stimmt mich mißtrauisch. Aber der Statist braucht das Spiel nicht zu verstehen.


Er braucht nur zu genießen. In diesem Sinne trinke ich auf die Damen!“
„Mißtrauisch würde ich nicht sagen“, erwiderte Lehr, während er sein Glas hob. „Ich fühle mich geehrt, aber ich weiß nicht, warum.“


„Nächstes Mal gibt`s nur Kartoffelpuffer!“ Mit einem gebrochenen Diskant, den Lehr nicht kannte. Doch ehe er noch darüber nachdenken konnte, hatte Irmgards Stimme ihren gewohnten Klang zurückgewonnen: „Wollen wir nicht einfach nur das Essen genießen?“


„Und den Wein!“ ergänzte Lehr, froh über die alte Vertraulichkeit der Stimme.
„Und danach?“ lauerte Klaus.


„Gibt`s Kaffee und Cognac!“


„Kein Geheimnis?“


„Du bist wie üblich niederträchtig Klaus!“ Irmgard bemühte sich zu lächeln.
„Mit Szenenapplaus hatte ich kaum gerechnet!


Gibt`s also ein Geheimnis oder nicht ?“


„Geheimnis? Erika und ich hatten uns über eine Frage unterhalten, die wir Vater nach dem Essen stellen möchten. Zufrieden?“


„Das wird sich zeigen!“


Lehr wollte nicht wahr haben, dass er immer wieder feine Brüche in Irmgards Stimme wahr zunehmen glaubte, Dissonazen. Er schämte sich. Es war doch ein so schöner Abend! Er sah ihren Bewegungen zu, während sie das Essen anbot, die Gläser füllte, die gleichen schönen, schlanken Hände wie Luise! Warum sollte sie ihm keine Fragen stellen? War er nicht dazu da?


Nach dem Essen im Wohnzimmer, war Lehr in seinem tiefen Sessel etwas schläfrig geworden. Obwohl er nur selten Cognac trank, ihn nicht einmal besonders mochte, hatte er sich eines der schönen bauchigen Gläser geben lassen, mit einem Schluck dieses Getränks, dessen Farbe ihn an dunklen Bernstein erinnerte, wie er ihn als Kind an der Ostseeküste gefunden hatte.

 

Er hatte angefangen, dass Glas in seinen beiden Händen langsam zu drehen und dabei die wechselnden Lichtreflexe zu betrachten. Von Zeit zu Zeit hatte er das Glas an die Lippen geführt, hatte einige Tropfen getrunken, nicht mehr als nötig um seine Zunge anzufeuchten. Er hatte wohl gehofft, so der Unlust Herr zu werden, die er in sich aufsteigen fühlte, der Unlust Irmgard weiter zuzuhören, einer Schwäche, wie er meinte, einer Unhöflichkeit, die er sich nicht durchgehen lassen wollte.


Dabei war alles, was sie sagte, vernünftig. Er hatte selbst schon ähnliche Gedanken erwogen, sie sogar mit Beratern, seinem Anwalt, seinem vertrauten alten Freund, Otto Wagedorf, dem Bankier und Aufsichtsratsvorsitzenden der Lehr AG, besprochen, ohne dass er jedoch bereits zu einem Entschluss gekommen wäre. War es also ihre Art zu sprechen, ihre Stimme, die ungewohnt hohe Tonlage mit diesem verstimmten Klirren, dass seine Trommelfelle zurückstoßen wollten?

 

Sie sprach sehr schnell, so als fürchtete sie unterbrochen, zurückgewiesen zu werden, ehe sie den ganzen Monolog ihrer offenbar sorgfältig einstudierten Rolle beendet hätte. Erika hatte begonnen, kaum dass sie sich alle um den runden Couchtisch herum gesetzt hatten. Zwei, drei Sätze nur.

„Schön, lieber Papa, dass du dir für uns so viel Zeit genommen hast. Wir wollten gern einmal gemütlich und in Ruhe ...“ so etwa mit ihrer leisen Flötenstimme, diesem für besondere Anlässe bewahrten Relikt aus Kindertagen. Lehr hatte genickt, hatte ihr zugelächelt. Sie änderte sich nie, hatte er gedacht und gesagt: „Nun fangt schon an!“


Und als wäre dies das Stichwort gewesen, hatte Irmgard Erika abgelöst, hatte sogleich mit dieser hohen , schnellen Stimme zu einer weitschweifigen Einleitung angesetzt, die Lehr nur mit halbem Ohr aufnahm, da er noch immer an Erika denken musste. Von ihr, seiner jüngsten, wusste er am wenigsten. Ob sie auch mit Siegfried Wendig so sprach, ihrem Ehemann, mit dieser Flötenstimme? Als Kinderfrau? Vielleicht mochte er das. Warum sie wohl keine Kinder hatte? Ebenso wie Irmgard. Ja, warum hatte Irmgard keine Kinder?

Von Klaus, seinem Sohn, war wohl auch kein Kind zu erwarten. Der machte keine Anstalten zu heiraten.


Er sollte besser aufpassen, während er sein Cognacglas in seinen Händen drehte und die Lichtreflexe betrachtete. Eben hatte er die hohe, fremde Stimme sagen hören: „Um es noch einmal zusammenzufassen, Vater, mit einfachen Worten: Es geht uns bei unserer Idee lediglich darum, unserer Familie die Mehrheit an der Lehr AG, an deinem Lebenswerk also, langfristig zu erhalten!“
„Langfristig?“ Das Wort hatte sich in Lehrs Ohr festgehakt. „Heißt das, ich darf mich doch noch auf Enkelkinder freuen?“


Für einen Augenblick nur hatte die schnelle Stimme ausgesetzt. Neben sich hörte Lehr Klaus nur leise auflachen. Er machte eine Handbewegung, als wollte er das Lachen verscheuchen, ehe es lauter würde. Er blickte Irmgard ruhig in die Augen. Wenigstens, dachte er, konnte sie noch erröten. Wie gut ihr das stand!


Dann aber klirrte die Stimme wieder auf ihn ein: „Wer kann schon so weit disponieren! Wir dachten zunächst einmal an die kommenden zwei, drei Jahrzehnte. Damit wäre doch schon viel gewonnen, Vater! Meinst du nicht?“
„Schade!“ erwiderte Lehr nur und blickte wieder auf sein Cognacglas.
Als hätte sie seinen Einwurf überhört, für Irmgard unbeirrt fort. Das Klirren in ihrer Stimme hatte sich mit einer metallischen Schärfe überzogen, die sie zu dämpfen versuchte. Sie klang, als bewege sie sich auf Stelzen. Lehr blickte Klaus an. Sie schienen beiden den gleichen Gedanken zu haben, die Vorstellung nämlich, eine zweitklassige Schauspielerin wäre in Irmgards Rolle geschlüpft. Um ihr die Wirkung zu geben die auf einer Provinzbühne erwartet wurde. Und dennoch schämte Lehr sich, dass es ihm nur schlecht gelang, bei diesem Gedanken ein Lachen zu unterdrücken. Hatte Irmgard nicht, trotz allem ein Recht auf seine ernsthafte Aufmerksamkeit? Verständlich doch, dass ihr das Thema peinlich und das sie desshalb aufgeregt war.


„Es ist eigentlich ganz einfach“, fuhr Irmgard fort. „Die Börse ist, wie wir alle wissen auf einem Historischen Tief. Auch die Aktien der Lehr AG hat es erwischt, grundlos natürlich.


Sobald die Konjunktur wieder anspringt, allen Prognosen zufolge im nächsten Frühjahr, werden die Kurse wieder nach oben gehen.“


„Du hast deine Lektion gut gelernt, Irmgard!“ sagte Lehr nicht unfreundlich.


„Als Tochter eines Unternehmers – kein Kunststück!“

 

Wer mochte sie einstudiert haben? Manfred Graber, ihr Ehemann? Es hatte Lehr immer Leid getan, dass er ihn nicht mochte, diesen Schlappschwanz, wie er ihn manchmal Luise gegenüber genannt hatte, um von ihr prompt zurechtgewiesen zu werden: Er brauchte ihn ja nicht zu heiraten!


„Und wenn dann bekannt wird“, fuhr Irmgard fort, „dass unsere neuentwickelten Geräte in Serie gehen - ! Papa, du allein weißt, was das heißt! Diese Geräte, hat Manfred gesagt, werden die Maßtechnik revolutionieren?“


„Hat Manfred das gesagt?“


„Und dann, hat Manfred gesagt, explodiert der Kurs der Lehr-Aktie! Auf das Doppelte, auf das Dreifache vielleicht.


Und dann? Stell dir nur vor , Papa – ich meine mal angenommen –„

„Ich weiss, was du sagen willst, Irmgard: Stell dir nur vor, willst du sagen, ich würde in diesem Augenblick in die Grube fahren – vor Freude über den Erfolg des Unternehmers! Dann wäre dieser Erfolg der Triumph der Lehr AG, eine wahre Katastrophe für die Erben. Richtig?“


„Papa, wir rechnen natürlich alle nicht -!“


„Lass nur, Irmgard, ihr rechnet ganz richtig: In diesem Fall würde die Erbschaftssteuer das Doppelte oder Dreifache von dem betragen, was an Schenkungsteuer zu bezahlen wäre, würde ich mich entschließen, euch heute meine Aktien zu schenken. Ist das nicht der langen Rede kurzer Sinn?“


„Na ja wir meinen eben, in einem für die Erben ungünstigen Fall stünden wir, deine Erben, vor einer Erbschaftssteuerschuld, die wir nicht bezahlen könnten, ohne einen großen Teil der uns von dir vererbten Aktien, vielleicht sogar die Mehrheit zu verkaufen.“


„Gut überlegt!"


„Wir haben uns beraten lassen.“


„Sehr vernünftig, ich habe es mir fast gedacht.“


„Und man hat uns gesagt, die Rechnung würde bei diesen Aktienkursen auch dann aufgehen, wenn gegebenenfalls, meine ich, noch eine Steuer auf die Schenkungsteuer bezahlt werden müsste.“


„Wie darf ich das verstehen, bitte?“


Klaus hatte seine Beine lang ausgestreckt, hatte seine Hände vor seinem Bauch ineinander verschränkt. Ihn diese Unterhaltung immer mehr zu amüsieren, je weniger er die Ausführungen verstand.


„Das heißt wohl“, antwortete Lehr für Irmgard, „deine Schwestern rechnen vernünftiger Weise damit, dass ihr Vater ihnen nicht nur seine Aktien, sondern auch die dann fällige Schenkungsteuer schenkt. Und für diese Schenkung der Schenkungsteuer wäre dann erneut die Schenkungsteuer zu entrichten. Ihr seht, auch ich habe meine Schularbeit bereits gemacht.“


„Um diese Steuer aber in die richtige Position zu rücken“, warf Irmgard eilig ein, „müssen wir stets die heutigen niedrigen Börsenkurse bedenken. Sie gelten als Berechnungsbasis der Schenkungsteuer, na ja, und gegebenenfalls damit auch für diese Steuer auf die Steuer.“


„Amen!“ rief Klaus aus und rülpste vernehmlich.


„Noch einen Cognac, Papa?“


„Danke, nein, so schlimm war es auch wieder nicht!“


„Ich nehme noch einen!“ Klaus hielt sein Glas hoch über seinen Kopf.


„Bitte, bediene dich!“ Irmgard warf Klaus einen verächtlichen Blick zu, um sich sogleich mit einem Lächeln ihrem Vater zuzuwenden. „Und könntest du dir nun vorstellen, Papa - ?“


Lehr hatte Lust sie zu bitten, ein Schubertlied zu singen, nur um zu hören, ob noch etwas von früher in ihrer Stimme geblieben war.


„Grundsätzlich, meine ich ...“ , streichelte die Stimme.


„Was heißt: grundsätzlich, bitte?“ Auf diese Frage von Klaus ging niemand ein.
Lehr unterdrückte ein Lächeln. Klaus hätte auch Jura studieren können, dachte er. Er hätte die Gabe, seine Gegner zur Verzweiflung zu treiben, um so seine Prozesse zu gewinnen.


„Ich werde mir alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, Irmgard“, sagte Lehr und stand auf. „Jetzt aber muss ich ins Bett. Vielen Dank für das köstliche Abendessen. Du hast dir viel Mühe gemacht.“


Die Müdigkeit hatte ihn milde gestimmt, versöhnlich. Er hatte schon angefangen, die hohe Stimme, dass melancholische Klirren zu vergessen. Er würde es sich überlegen. Gleich morgen würde er mit seinen Beratern sprechen. Denn Irmgard hatte doch recht. Sie war nur aufgeregt gewesen. Verzeihlich eigentlich. Und so wäre der Abend in seiner Erinnerung geblieben, hätte Irmgard nicht, während sie ihn zum Abschied küsste, noch dies gesagt:

 

„Wir müssen uns dabei doch auch um dich Gedanken machen, wenn du es schon nicht tust. Schließlich bist du jetzt in einem Alter....“


„66!“ unterbrach Lehr sie trocken und löst sich aus Irmgards Umarmung. „Und weiter?“


„Niemand wird natürlich heute an deiner Stellung als Vorstandsvorsitzender rütteln wollen. Wer könnte das denn besser als du?“


„Aber?"


„Aber immerhin – ist es doch unsere Pflicht als deine Kinder, uns mit dir gemeinsam Gedanken zu machen.“


„Die habe ich mir gemacht. Ich werde den Aufsichtsrat bitten, meine Bestellung und meinen Vertrag um vier Jahre zu verlängern, dass heißt bis zu meinem siebzigsten Geburtstag. Zufrieden? Oder wäre es den neuen Großaktionären, meinen beschenkten Kindern, lieber, ich ginge gleich aufs Altenteil? Damit endlich frischer Wind – vielleicht habt ihr sogar recht? Ich werde morgen früh etwas länger in den Spiegel schauen!“


Graber, dachte er, war der Einflüsterer, Manfred Graber! Er hätte es sich denken können!

„Verzeih, Vater, wir haben uns mißverstanden. Ich wollte wirklich nicht – tut mir leid, wenn ich dich verletzt haben sollte.“

„Schon gut, lassen wir das jetzt! Manchmal helfen auch Mißverständnisse weiter. Also nochmals: gute Nacht!“


Er wandte sich rasch ab und entzog sich so der weiteren Umarmung, zu der Irmgard ihre Arme schon halb ausgebreitet hatte.


Die Abendluft tat ihm gut. Er ging zu Fuß nach Hause, schritt kräftig aus, pfiff leise vor sich hin. Die Straßen waren leer und still. Ein alter, schwarzer Hund trottete aus einer Toreinfahrt hinaus, blieb vor Lehr stehen, blickte unschlüssig zu ihm auf. Lehr nickte ihm zu, als wollte er ihm ermutigen, sich in seinem Vorhaben nicht stören zu lassen. Da hob der Hund das Bein. Dann drehte er sich um und zog sich, gemessenen Schrittes in die Toreinfahrt zurück.

„Klare Antwort!“ lachte Lehr. Er nahm sein Pfeifen wieder auf, während er weiterging. Was Pfiff er eigentlich? Noch drei Schritte, dann lag der Text auf seiner Zunge: „Denkste denn, denkste denn, du Berliner Pflanze....“

 

Er sang mit lauter Stimme gegen die dunklen Häuserfassaden an, während seine Füße dem Marschrhythmus folgten.

 


Roman, Wien 2000, S. 264 f




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