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 Erich  Mühsam, Das Lebensprogramm

 
   
   
 

 

Als Samuel Ehrenmann dreiundzwanzig Jahre alt war, beschloß er, seinen leichtsinnigen Lebenswandel aufzugeben und einen geregelten und gesitteten zu beginnen.

 

Sein Onkel Isaak, ein frommer und gescheiter Mann, hatte ihn auf dem Totenbett beschworen: „Samuel ! Samuel ! Laß ab von deinem sündigen Tun ! Siehe, ich trete vor unseren Herren; und wenn der mich fragt: und was macht Samuel, dein Neffe, den ich dir anvertraut hab, daß du, mein Knecht, ihn erziehst zu einem brauchbaren Mitglied, nu und so weiter, und so weiter – sag selbst, was soll ich antworten, da du doch nicht tust nach Gottes und meinen Worten, da du doch schwelgst eine Nacht wie die andere in Wirtshäusern und mit unmoralischen Freunden und Freundinnen und das Geld verprassest, wie es deinen Väter taten. Samuel, ich sage dir, werde moralisch ! Samuel, ich sage dir, werde regelmäßig !“

 

Samuel nahm sich diese Worte zu Herzen und versprach zu halten, was gute Sitte und praktischer Sinn verlangten. Als er das gelobt hatte, sank Onkel Isaak in die Kissen zurück und schloß befriedigt die Augen. Samuel Ehrenmann begrub seinen Onkel Isaak mit aller Feierlichkeit und in dankbarer Ehrfurcht. Darauf setzte er sich an seinen Schreibtisch und entwarf einen Plan, nach dem er in Zukunft zu leben gedachte.


Er schrieb auf, wann er des Morgens aufstehen wollte, setzte seine Frühstücks-, Mittags- und Abendbrotzeit fest, sogar für einen täglichen Spaziergang ins nahe Gehölz, überschlug, wieviel Arbeit er in der vorgesehenen Zeit jeden Tag leisten könnte, bestimmte danach den Arbeitsplan für sein Leben, berechnete aus den Zinsen seines Vermögens und den Einnahmen seines Arbeitsverdienstes seine Ansprüche an die Welt, verfügte anhand dieser Berechnungen seinen letzten Willen und dachte an alles, was zu einem behaglichen, friedlichen, regelmäßigen und moralischen Lebenswandel gehört.

 

Mit siebenundzwanzig Jahren wollte er heiraten. Genau setzte er das Datum der Verlobung und der Hochzeit fest, beschloß, vier Kinder zu zeugen, entwarf einen detaillierten Erziehungsplan für sie, bestimmte auch das Festprogramm für seine silberne und goldene Hochzeit und gedachte schließlich am 27. Oktober des Jahres zu sterben, in dem er am 5. Juni sein fünfundachtzigstes Lebensjahr vollendet haben würde, ergeben in Gottes Willen, beweint von Gattin, Kindern und Enkeln, insgesamt zweiundzwanzig Hinterbliebenen.


Das Programm umfaßte eng geschrieben einen Band von 1743 Seiten, die sich Samuel in Schweinsleder binden ließ. Als der Buchbinder seine Arbeit getan hatte, begann jener nach dem Programm zu leben, und er sah, daß er nichts zu bestimmen vergessen hatte. Das Buch gab ihm, wenn es nötig war, die Erlaubnis, sich einen neuen Rock zu kaufen, es wußte, wie oft sein Hut des Bügelns bedurfte, wann das Schuhwerk besohlt und das Hemd gewaschen werden mußte. Alles, bis ins kleinste alles war vorgemerkt. Denn der Geist Onkel Isaaks hatte Samuel die Feder geführt.


Ein Jahr nach dem anderen schwand dahin, und an jedem Neujahrstage – für diesen Tag hatte ihn das Programm von allen anderen Arbeiten dispensiert – prüfte Samuel Ehrenmann, ob er getan, wie es geschrieben stand. Und an jedem Neujahrstage kam er zu dem Ergebnis, daß er mit sich zufrieden sein dürfe und daß ihn sein Lebensprogramm niemals im Stiche gelassen habe. So wurde er alt und grau und lebte programmgetreu weiter an der Seite seiner lieben Frau, die sich den Bestimmungen des Schweinslederbandes verständ-nisvoll angepaßt hatte, umringt von seinen vorschriftsmäßig erzeugten und erzogenen Kindern und Enkeln.


Allgemach fühlte Samuel die Zeit nahen, da er sterben mußte.
Er durfte schon die Gicht bekommen, denn er war vierundachzigeinhalb Jahre alt. Aber das Reißen stellte sich nicht ein, und Samuel, der gar nicht in Erwägung zog, daß sein Programm sich etwa irren könnte, nahm an, daß bei ihm die Gicht schmerzlos und knötchenfrei aufträte, rieb also morgens und abends Knie und Schultern mit Opudeldok und Ameisenspiritus ein – wie es geschrieben stand.


An seinem fünfundachtzigsten Geburtstage schlug er den Leitfaden seines Lebens auf, berief nach dessen Maßgabe alle Familienmitglieder um sich und las mit lauter, etwas zitternder Stimme – so wurde es darin verlangt – diese Ansprache vor:

„Geliebte Gattin, treue Kinder, gute Kindeskinder! Seht, heute am 5. Juni dieses gesegneten Lenzes vollende ich mein fünfundachtzigstes Lebensjahr, und da ich am 27. Oktober dieses gleichen Jahres zu meinen Vätern und zu unserem in Gott ruhenden Onkel Isaak heimgehen muß, so könnt ihr ausrechnen, daß die Frist, die der Himmel mir noch gesetzt hat, heute genau vier Monate, drei Wochen und einen Tag beträgt. Diese Zeit ist mir bestimmt, um mich zum Tode vorzubereiten. Dazu habe ich vor allen Dingen meine finanziellen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und jedem von euch zuzuteilen, was ihm aus meinem Nachlasse zufallen soll. So überreiche ich euch hier je eine spezielle Berechnung seines Erbschaftsanteils.“

Damit entnahm Samuel gemäß der Programmordnung diese zweiundzwanzig Scheine und verteilte sie unter dem Umstehenden. „Mir selbst“ fuhr er fort, „reserviere ich nun soviel, wie ich für den Rest des Lebens gebrauche. Das macht täglich 1 Mark 65 Pfennige, für die 144 Tage also, welche mir noch beschieden sind, 237 Mark und 60 Pfennige. Wenn diese Summe aufgebraucht sein wird, werde ich mich auf meine Chaiselongue legen und alsbald einschlafen. Um 5 Uhr 42 nachmittags wird ein durch Altersschwächen verursachter Herzschlag meinem Dasein ein Ende setzten. Du, meine heiß-geliebte Gattin, treue Lebensgefährtin, Mutter meiner Kinder und Ahne meiner Enkel, wirst mich auffinden und an den Folgen des Schreckens, der dir in einem Alter nicht mehr zuträglich ist, in 2 Monaten, einer Woche und 5 Tagen, demnach am 8. Januar des kommenden Jahres, mir in die ewige Seligkeit folgen; dein Erbschaftsanteil ist dementsprechend bemessen worden.

 

Über die Begräbnisfeierlichkeiten findet ihr alles Nähere auf Seite 1698 bis 1727  dieses Programms. Das herrlichste Vermächtnis aber, das ich euch zu hinterlassen habe, ist der Hinweis auf meine Erdenlaufbahn, die ich glaube geführt zu haben im Sinne unseres seligen Onkels, Großonkels und Urgroß-onkels Isaak. Nehmt euch sein und mein Vorbild zu Beispiel und geht jetzt an eure Beschäftigung, wie ich an die meinige zu gehen gedenke, die ich mir vor zweiundsechzig Jahren in diesem Schweinslederbande vorgezeichnet habe.“

Der Alte schwieg, und in tiefer Rührung ging die Familie auseinander. Die Teilung der Erbschaft wurde in den hierzu im Programm bestimmten Stunden vorgenommen, und Samuel Ehrenmann sah ruhig und gefaßt, bei einem Geldverbrauch von 1 Mark 65 Pfennigen, seiner Auflösung entgegen. Die Geschichte verlief weiterhin schmerzlos und ohne sichtbare Merkmale.


Der 27.Oktober war da. Um 4 Uhr 55 Minuten kehrte Samuel vom Postamt heim, wo er für die letzten 20 Pfennig seiner 237 Mark 60 eine Briefmarke gekauft und auf das seit seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr versandfertige Schreiben geklebt hatte, das sein Ableben dem Standesamt kundtat.


Rüstig erhobenen Hauptes begab er sich in sein Zimmer und legte sich auf die Chaiselongue. Um 5 Uhr 16, ganz nach Vorschrift, schlief er ein, und seine kräftig schnarchenden Atemzüge kündeten der im Nebenraum harrenden Frau Ehrenmann, daß die Stunde gekommen sei, da ihr Gatte ins Jenseits hinüberschlummerte. Sie sah nach dem Regulator. Punkt 5 Uhr 43, eine Minute nach dem planmäßigen Abgang mit Tode, erhob sie sich zu dem hoffnungslosen Versuch, den Schläfer zu wecken. Langgezogene sängende Töne schwollen ihr schon an der Tür entgegen, und tränenden Auges, tief gebeugt blieb Frau Ehrenmann vor dem Schlummernden stehen, ihr Los beklagend, sich im nächsten Augenblick als seine Witwe erkennen zu müssen.

„Samuelchen“, hauchte sie bewegt, und als er keine Antwort gab, sondern, den Atem laut durch die Nase ziehend, sich auf die andere Seite warf, da schrie sie vor Schmerz überwältigt auf: „Samuel! Mein Geliebter! Du bist tot ! Oh, ich Ärmste! Ich unglückselige Witwe !“


Jammernd und schluchzend war sie sich über ihn, von dem teuren Toten auf ewig Abschied zu nehmen. Da schlug Samuel die Augen auf.


Entsetzt starrte die Gattin ihn an. „Samuel!“ kreischte sie. „Aber Samuel ! Bist du denn noch nicht tot?! Und dein Programm - ?! Samuel !!“


Ratlos blickte der Erwachte in die verweinten Augen seiner Frau. Da betrat auch schon verstört und bleich, wie es befohlen war, und bereits schwarz gekleidet, die ganze Familie das Sterbezimmer.


„Denkt euch nur“, klagte Samuel, „ich bin gar nicht gestorben !“
„Nicht ?“ fragten Kinder und Enkel schauernd. „Und das Programm?
„Nein, nein – trotzdem! “ Ungläubig umstanden die Hinterbliebenen das Sterbelager.


Da erhob sich Samuel Ehrenmann von der Chaiselongue, hob gewaltig die Arme in die Höhe und rief: „Gebt mir mein Geld zurück, ihr Erbschleicher !“

Da Samuels Programm eine Programmwidrigkeit nicht vorgesehen hatte, war die friedliche Eintracht, die so lange über der Familie Ehrenmann gewaltet hatte, vernichtet. Frau Ehrenmann und Samuels zweiundzwanzig Hinterbliebene warfen den Alten aus dem Hause, das ihm nicht mehr gehörte. Mit Hilfe eines Rechtsanwalts und der Besatzung der nächstgelegenen Polizeiwache warf alsdann Samuel Ehrenmann seine Erben aus dem Hause, das ihnen noch nicht gehörte.

 

Am 8. Januar, ihrem programmgemäßen Todestage, schloß sich Frau Ehrenmann der Prozeßpartei ihres Gatten an. Der Staatsanwalt seinerseits schritt gegen Samuel ein wegen einer Falschmeldung beim Standesamt. Die gesamte Erbmasse verschwand allmählich in den Kassenschränken der prozessierenden Advokaten, die heute noch um den Ertrag des inzwischen subhastierten Ehrenmannschen Hauses untereinander prozessierten. Der Umfang der in Sachen Ehrenmann contra Ehrenmanns Erben angehäuften Akten übersteigt längst den des Schweinslederbandes, dessen Versagen in einem einzigen Punkte all die Verwirrung hervorgerufen hat.

 

Nachdem Samuel Ehrenmann seine Gefängnisstrafe wegen Irreführung einer staatlichen Behörde abgesessen hatte, fand er Aufnahme in einem Asyl für schwachsinnige Greise, wo er an einem wissenschaftlichen Werk über die Gicht als betrügerische Vorspiegelung von Erbschleichern arbeitet. Was Frau Ehrenmann betrifft, so wurde ihr auf dem Vergleichswege die Chaiselongue zugesprochen, auf welcher sie ihr Samuel nicht zur Witwe werden ließ.

 

Sie verbringt ihren Lebensabend in einem Heim für verlassene Matronen und klöppelt dort für das gerettete Möbelstück eine moderne schwarzumränderte Chaiselonguedecke.


 

Erich Mühsam

 


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© Rechtsanwalt und Notar Gisbert Bultmann